Hochschuldidaktische Begleitforschung: CfP

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Die begleitende Beforschung und systematische Weiterentwicklung von Lehre spielt in der modernen Hochschuldidaktik eine zunehmende Rolle. Gerade in den letzten Jahren entstehen mehr und mehr Lehrentwicklungsprojekte mit wissenschaftlichem Transferpotenzial. Auch der in Kürze auslaufende Qualitätspakt Lehre macht das Thema zu einem so aktuellen und kontrovers diskutierten Problemkomplex der Community wie sonst kaum eines.
Vor diesem Hintergrund soll ein neues Buchprojekt Beiträge versammeln, die das Thema sowohl als Gegenstand der Grundlagenforschung als auch der angewandten Forschung diskutieren, bestehende Konzepte vorstellen und tragfähige Strategien zur Beforschung von Hochschullehre aufzeigen.

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Call for Papers: Hochschuldidaktische Begleitforschung.

Lehrforschung, Bildungsgangforschung, Hochschulforschung

Unter dem Konzept „Begleitforschung“ werden teils sehr heterogene Ansätze zusammengefasst. Manchmal werden Maßnahmen, die sich wissenschaftlich-begleitend mit Hochschullehre auseinandersetzen, als „Lehrforschung“ deklariert, manchmal fallen Schlagworte wie „Bildungsgangforschung“, „Curriculumsforschung“, „didaktische Wirksamkeitsforschung“, „Hochschulforschung“ o.Ä. … Aber was steckt eigentlich hinter den Begriffen? Methodologisch lassen sie sich zumindest dadurch zusammenfassen, dass sie einen

spezielle[n] Forschungstypus [darstellen] […], der sich durch eine enge Verknüpfung von praktischen, eher beratenden Aufgaben […] und Forschungsaufgaben auszeichnet, wobei beide Aufgabentypen in einem jeweils unterschiedlichen Mischungsverhältnis stehen können.

Wolter, 2017 [Begleitforschung: Aufgaben und Resonanz]

Je nach beforschtem Gegenstand lassen sich teils sehr unterschiedliche Komplexitätsgrade des Forschungssettings differenzieren: Die Spanne reicht von der Beforschung ganzer Bildungsprogramme oder akademischer Curricula über (hochschul-/fach-)didaktische Initiativen bis hin zu einzelnen Lehrveranstaltungen oder auch nur Teilaspekten davon (vgl. Schmohl, 2019).

Definition: Hochschuldidaktische Begleitforschung

Unter dem Aspekt einer „Dissemination von Projektergebnissen“ oder dem „Transfer“ von Lernformaten ist insbesondere die Abgrenzung der hochschuldidaktischen Begleitforschung zum organisationalen Qualitätsmanagement virulent:

Forschen heißt immer auch, die erzielten Erkenntnisse öffentlich und kritisierbar zu machen, sie in die fachwissenschaftliche Diskussion einfließen zu lassen und auf diesem Wege sicherzustellen, dass nicht einfach nur lokale Probleme gelöst werden, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse (mit welchem Generalisierungsanspruch auch immer) resultieren.

Reinmann, 2017 [Begleitforschung in der Identitätsfindung]

Begleitforschung bedeutet im hier zugrunde gelegten Verständnis, dass ein didaktisches Setting durch eine wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung flankiert wird. Diese Erkenntnisgewinnung setzt analytisch an der didaktischen Praxis an und ihre Ergebnisse fließen (zumindest potenziell) auch in diese Praxis zurück. Neben der Aufbereitung der Erkenntnisse für den untersuchten Gegenstandskomplex zeichnet ein Begleitforschungs-Bemühen aber besonders auch aus, dass ihre Erkenntnisse über den Einzelfall hinaus geteilt und diskutiert werden. Hierzu möchte das skizzierte Buchprojekt einen aktuellen und die verstreuten Aktivitäten verbindenden Beitrag leisten. Möglich sind sowohl empirische als auch theoretische Aufsätze, die sich als Beiträge zu einem breiten wissenschaftlichen Diskurs in der Hochschuldidaktik verstehen.

Eine Forschungsform — verschiedene methodologische Bezüge

Neben der begrifflichen Vielschichtigkeit sind auch die methodologischen Zugänge und zugrunde gelegten Referenzkonzepte für die hochschuldidaktische Begleitforschung durchaus divers — zumindest so divers, wie das Feld der Hochschulbildungsforschung, zu dem sie zusammengefasst werden können (vgl. Jenert, Reinmann & Schmohl, 2019).

Es geht um die Begleitung der Implementation innovativer Programme und Maßnahmen, die Analyse ihrer (Aus-) Wirkungen […] und dieses weniger als Teil bildungswissenschaftlicher Grundlagenforschung, sondern als Teil eines Handlungsforschungsansatzes mit einer Interventionsperspektive.

Wolter, 2017 [Begleitforschung: Aufgaben und Resonanz]

Sinnvolle methodologische Bezüge liegen bspw. in der explorativen Lehrforschung bzw. der Durchführung von Lehrexperimenten. Hier könnte etwa an die qualitative Experimentalforschung aus dem psychologischen Kontext angeschlossen werden (Burkart, 2010; bspw. Kleining, 1986, 2010). Daneben sind beobachtende Forschungsformen typisch für hochschuldidaktische Begleitforschung, wobei insbesondere anhand von offenen oder geschlossenen Befragungen Erhebungen durchgeführt und systematisch ausgewertet werden. Abseits von etablierten Erhebungsinstrumenten werden meist eigene Instrumente theoriegeleitet entwickelt oder auf eine spezifische Fragestellung hin angepasst (Großmann & Wolbring, 2016; vgl. bspw. Hurst, 2007).

Ergänzend zu beobachtender und experimenteller Forschung bietet noch die deskriptiv-analytische Variante der Innovationsforschung (Blättel-Mink & Menez, 2015; bspw. Stoltenberg, 2006) interessante Bezüge — wie auch auf Hochschullehre fokussierte ethnografische Ansätze (Dellwing & Prus, 2012; bspw. Thomas, 2010) oder autoethnografische Ansätze (bspw. Reinmann & Schmohl, 2016; Schmohl, i.Vorb.). Neben diesen eher speziellen Bezügen sind etwa die Ansätze der Implementationsforschung (bspw. Hasselhorn, Köller, Maaz & Zimmer, 2014; Petermann, 2014), der Diskursforschung oder der Wirkungsforschung (bspw. Bilandzic, 2014; Micheel, 2013) zu nennen. Aber auch aus dem Kontext begrifflich-theoretischer Forschung zur Hochschuldidaktik heraus wären insbesondere grundlagentheoretische Beiträge denkbar (vgl. Jenert, Reinmann & Schmohl, 2019) – oder auch solche, die programmatischen Anschluss an den bildungsphilosophischen Diskurs suchen (bspw. Nieke & Freytag-Lorinhoven, i.Vorb.).

Schließlich bieten gestaltende Forschungsformen zahlreiche Möglichkeiten für Begleitforschungsmaßnahmen — insbesondere im Kontext der entwicklungsorientierten Bildungsforschung (speziell Design-Based Research: bspw. Euler, 2014; Reinmann, 2005). Daneben sind Ansätze der Interventionsforschung (bspw. Krainer & Lerchster, 2012) sowie die bereits etwas in die Jahre gekommene Aktions- und Praxisforschung (bspw. Haag, Krüger, Schwärzel & Wildt, 1972) zu ergänzen. Diese Liste ist keinesfalls vollständig und soll lediglich grob aufzeigen, wie vielfältig Lehrforschung im Hochschulkontext sein kann.

Das Buch soll nun mit Bezug zu einem wissenschaftlichen Diskurs aktuelle Konzepte, Methoden und Ansätze versammeln, die das Thema „Beforschung von Hochschullehre“ verbindet.

Zielgruppe

  • Forschende, die sich anhand wissenschaftlicher Ansätze mit Fragen des akademischen Lehrens und Lernens befassen
  • Teilnehmende von SoTL-Programmen (Scholarship of Teaching & Learning)
  • Projektmitarbeitende, die Lehrforschung betreiben
  • Mitarbeitende in Vorhaben, die mit hochschuldidaktischer (Begleit-)Forschung, Selbst- oder Fremdevaluation verknüpft sind (bspw. Qualitätspakt Lehre)
  • Hochschullehrende, die Lehr-Evaluationsstudien planen oder anfertigen
  • Hochschulakteure, deren Arbeit auf die Überprüfung der Wirksamkeit didaktischer Aktivitäten abzielen (inkl. Third Space)

Rubriken

Die finale Einteilung wird nach Vorliegen aller Beiträge abgestimmt. Trotzdem sollen hier vorab ein paar erste Versuche zur Themen-Clusterung vorgeschlagen werden:

  • Forschungsberichte: Berichte zu abgeschlossenen empirischen Studien oder theoretischen Reflexionen.
  • Work in Progress: Beiträge zu laufenden Untersuchungen/Vorhaben.
  • Widerstände: Berichte über Schwierigkeiten und Limitationen der Umsetzung hochschuldidaktischer Begleitforschungs-Vorhaben bzw. der Umgang damit (bspw. hochschulpolitische Restriktionen, hochschulkulturelle Widerstände, Implementationsdefizite etc.).
  • What works?: Darstellung von Lösungen mit Modellcharakter für andere Projekte.
  • Sonstige Beiträge zum Wissenschaftsdialog im skizzierten Themenfeld.

Wir legen Wert auf einen klaren methodischen Bezug zur (Hochschul-)Bildungsforschung bzw. Hochschuldidaktik. Spezifisch fachwissenschaftliche Herangehensweisen können ebenfalls vorgestellt werden, sofern ihre Ergebnisse auf Lehrkontexte anderer Fachrichtungen übertragbar sind (Generalisierbarkeit).

Zeitplan

bis 3.5.19 Einreichung eines Arbeitstitels und Abstracts (ca. 1.000 bis 1.500 Zeichen) 
direkt im Anschluss Prüfung der inhaltlichen Passung von Titel und Abstract.
Information über die Aufnahme in das Reviewverfahren (innerhalb von 4 Tagen).
Erhalt der Review-Kriterien sowie des Merkblatts zu den Manuskript-Vorgaben
bis 14.10.19 Einreichung Manuskript gemäß Vorgaben des Merkblatts und gemäß den Review-Kriterien 
bis 18.11.19 Rückmeldung der Reviewer*innen mit ggf. Vorgaben oder Empfehlungen für die Überarbeitung
bis 17.1.20 Einreichung des überarbeiteten Manuskripts
Mai ’20 Publikation des Sammelbands 

Literatur

  • Bilandzic, H. (2014). Wirkungsforschung. In M. Karmasin, M. Rath & B. Thomaß (Hrsg.), Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin (S. 159-178). Wiesbaden: Springer.
  • Blättel-Mink, B. & Menez, R. (2015). Kompendium der Innovationsforschung (2. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS. Verfügbar unter http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&scope=site&db=nlebk&AN=961553
  • Burkart, T. (2010). Qualitatives Experiment. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 252-262). Wiesbaden: Springer.
  • Dellwing, M. & Prus, R. (2012). Einführung in die interaktionistische Ethnografie. Soziologie im Außendienst. Wiesbaden: Springer.
  • Euler, D. (2014). Design-research – a paradigm under development. In D. Euler & P. F. E. Sloane (Hrsg.), Design-Based Research (Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik (Beiheft), Bd. 27, S. 15-41). Stuttgart: Steiner.
  • Großmann, D. & Wolbring, T. (Hrsg.). (2016). Evaluation von Studium und Lehre. Grundlagen, methodische Herausforderungen und Lösungsansätze. Wiesbaden: Springer VS. Verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-658-10886-1
  • Haag, F., Krüger, H., Schwärzel, W. & Wildt, J. (Hrsg.). (1972). Aktionsforschung. Forschungsstrategien, Forschungsfelder und Forschungspläne. München: Juventa.
  • Hasselhorn, M., Köller, O., Maaz, K. & Zimmer, K. (2014). Implementation wirksamer Handlungskonzepte im Bildungsbereich als Forschungsaufgabe. Psychologische Rundschau, 65 (3), 140-149.
  • Hurst, A. (2007). Qualitativ orientierte Evaluationsforschung im Kontext virtuellen Lehrens und Lernens (Pädagogik). Zugl.: Ludwigsburg, Pädag. Hochsch., Diss. 2007. München u.a.: GRIN-Verl.
  • Jenert, T., Reinmann, G. & Schmohl, T. (Hrsg.). (2019). Hochschulbildungsforschung. Theoretische, methodologische und methodische Denkanstöße für die Hochschuldidaktik. Wiesbaden: Springer VS.
  • Kleining, G. (1986). Das qualitative Experiment. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 38, 724-750.
  • Kleining, G. (2010). Qualitative Heuristik. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 65-78). Wiesbaden: Springer.
  • Krainer, L. & Lerchster, R. E. (Hrsg.). (2012). Interventionsforschung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Micheel, H.-G. (2013). Methodische Aspekte der Wirkungsforschung. In G. Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency. Akteursbezogene Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit (S. 181-193). Wiesbaden: Springer VS.
  • Nieke, W. & Freytag-Lorinhoven, K. (i.Vorb.). Wissenschaftsdidaktik vor neuen Aufgaben. Bildung durch Wissenschaft. Wiesbaden: Springer.
  • Petermann, F. (2014). Implementationsforschung. Grundbegriffe und Konzepte. Psychologische Rundschau, 65 (3), 122-128.
  • Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft, 1, 52-69.
  • Reinmann, G. & Schmohl, T. (2016). Autoethnografie in der hochschuldidaktischen Forschung. Impact Free, 3 (Juli 2016), 1-6. Zugriff am 16.04.2018. Verfügbar unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2016/05/Impact-Free-3.pdf
  • Schmohl, T. (Hrsg.). (i.Vorb.). Autoethnografie: Subjektives Schreiben in der Wissenschaft und Schreibdidaktik (Journal der Schreibberatung (JoSch), Bd. 18). Bielefeld: wbv.
  • Schmohl, T. (2019). Hochschuldidaktische Begleitforschung. In T. Schmohl, D. Schäffer, B. Eller-Studzinsky & K.-A. To (Hrsg.), Selbstorganisiertes Lernen. Strategien, Formate und Methoden (TeachingXchange, Bd. 3). Bielefeld: wbv.
  • Stoltenberg, U. (2006). Innovationsforschung. In W. Rieß & H. Apel (Hrsg.), Bildung für eine nachhaltige Entwicklung: Aktuelle Forschungsfelder und -ansätze (S. 81-86). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Thomas, S. (2010). Ethnografie. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 462-475). Wiesbaden: Springer.

Ansprechpartner

Inhaltliche Rückfragen sowie Fragen zum Publikationsprozess beantworte ich jederzeit sehr gern.

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