Schreibdidaktik: Eine transdisziplinäre Profession

Schreibdidaktik: Eine transdisziplinäre Profession

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Schreibdidaktik

In der akademischen Landschaft stellte die Schreibdidaktik noch bis vor wenigen Jahren ein vergleichsweise unbekanntes, kaum erschlossenes Terrain dar. Mit der flächendeckenden Gründung von Schreibzentren und -werkstätten erhält sie in den letzten drei Dekaden ihren institutionellen Platz im deutschen Hochschulwesen. Schreibdidaktik ist als Arbeitsgebiet vor diesem Hintergrund genuin dem sogenannten Third Space zuzurechnen. Ihr kommt dabei die Rolle einer sogenannten transdisziplinären Profession zu. Was ist damit gemeint?

Eine Disziplin ohne Fachlichkeit

Schreibdidaktik gehört zu jenen akademischen Aktivitätsfeldern, die serviceorientiert ausgerichtet sind und wissenschaftsnah operieren, ohne vollständig in der klassischen Einteilung von wissenschaftlichem oder administrativem Handlungsmodus aufzugehen. Mit ihrer Ansiedlung in der „Grauzone“ zwischen fachspezifischer Lehre und Verwaltung geht auch das Rollenverständnis der Akteur*innen einher, die in der Schreibdidaktik tätig werden: Didaktische Hybrid-Charaktere, die Unterstützungen für heterogene Zielgruppen mit diversifizierten Lernvoraussetzungen und -bedarfen anbieten, daneben aber auch manageriale und administrative Aufgaben erfüllen.

Zwischen Wissenschaft und Profession

Entsprechend dieser Hybridrolle sehen sich Schreibdidaktiker*innen heute mit wachsenden Anforderungen konfrontiert. Einerseits gibt es Bemühungen, Schreibdidaktik in die grundständige Lehre unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu integrieren. Damit gehen auch Prozesse zur „Professionalisierung“ und „Forschungsorientierung“ schreibdidaktischer Handlungsformen einher. Andererseits ist Schreibdidaktik als Profession einer Dynamik sich ändernder Hochschulstrukturen im Third Space ausgesetzt, die mit Schlagworten wie Evaluation, Akkreditierung, Curriculumsentwicklung oder E-Learning umschrieben werden: Schreibdidaktische Arbeit soll sich in der Regel einer kritischen Überprüfung und Bewertung unterziehen, um ihre „Wirksamkeit“ festzustellen. Sie soll den Strukturvorgaben modularisierter Studienprogramme genügen und wird dabei mancherorts bereits in die Systemakkreditierung – die innere Qualitätssicherung einer Hochschule – einbezogen. Schreibdidaktische Angebote sind häufig für Schlüsselkompetenz-Module in grundständigen Studiengängen anrechenbar und orientieren sich dabei an curricularen Vorgaben. Schließlich öffnet sich die Schreibdidaktik gerade in den letzten Jahren zunehmend in Richtung web-basierter Lernformen und interaktiver Medien.

Zwischen zentraler Institution und dezentralem Handlungsfeld

Mit diesem Anforderungskomplex ist eine Professionskultur angesprochen, die sich einerseits an fach-, schreib- und bildungswissenschaftlichen Ansprüchen ausrichtet und die andererseits auf multiple Bedingungskontexte reagiert, von denen der Third-Space aktuell geprägt ist.

Eine strukturelle Herausforderung schreibdidaktischer Arbeit liegt gerade in ihrer zentralen institutionellen Verortung begründet: Denn fächerübergreifende Beratungen können nur in begrenztem Umfang spezifische fachwissenschaftliche Bedarfe adressieren. Sie operieren per definitionem anhand allgemeiner wissenschaftsdidaktischer Prämissen und werden aufgrund ihres One-Size-Fits-All-Charakters den besonderen Anforderungen einzelner Disziplinen immer nur näherungsweise gerecht.

Als Alternative zu einer disziplinenübergreifenden Begleitung wissenschaftlicher Textproduktion steht das Konzept einer dezentralen Schreibdidaktik nach dem sogenannten Promotor*innenmodell. Dieses Modell findet beispielhaft im Bielefelder Projekt LitKom Anwendung. Schreibdidaktische Unterstützung erfolgt hier nicht „top down“, in dem Sinn, dass allgemeine Muster auf fachspezifische Anforderungen appliziert würden. Stattdessen werden Studierende bei der wissenschaftlichen Entwicklung konkreter schriftlicher Texte „bottom up“ unterstützt.

Zwischen Schreibförderung und Förderung literaler Kompetenzen

Das bedeutet: schreibdidaktische Arbeit geschieht hier aus der Fachlichkeit heraus durch Personen, die innerhalb der jeweiligen Disziplin beheimatet sind, die aber zugleich eine gemeinsame didaktische Leitorientierung verbindet. Diese Doppelfunktion ermöglicht es, das wissenschaftliche Schreiben der Studierenden zu flankieren und sie zugleich individuell in ihrer fachwissenschaftlichen Enkulturation zu fördern. In diesem Zuge werden vielfältige weitere Fähigkeiten adressiert, die über das gängige Konzept individueller Schreibkompetenz hinausreichen und unter dem Schlagwort Literale Kompetenzen zusammengefasst werden. Um literale Kompetenzen zielgerichtet fördern zu können, ist auf Seite der schreibdidaktisch Tätigen disziplinäres Fachwissen ebenso gefragt, wie umfassende Kompetenzen im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens und didaktische Fähigkeiten in der strukturierten Begleitung studentischer Bildungspfade. Übergeordnetes Ziel einer so skizzierten dezentralen Schreibdidaktik ist, dass Studierende fachlich begründete Instrumente und Techniken kennenlernen, um anspruchsvolle Transformationsarbeit zwischen der Organisation einer wissenschaftlichen Arbeit (einschließlich des damit verbundenen Forschungsprozesses) und ihrer strukturierten Verschriftlichung zu leisten.

Wie weiter in der Schreibdidaktik?

Damit sind sowohl die Anforderungen an eine zeitgemäße Schreibdidaktik als auch aktuelle Ansätze zur Problembearbeitung beschrieben. Was folgt daraus für das Berufsbild schreibdidaktisch Tätiger zu Beginn des Jahres 2021?

Zunächst ist es in Hinsicht auf die Komplexität und Vielschichtigkeit schreibdidaktischer Aufgaben notwendig, dass sich Lehrende in diesem Bereich weiter vom Verwaltungssektor emanzipieren, in dem schreibdidaktische Einrichtungen typischerweise angesiedelt sind. Damit sind Konsequenzen für das Rollenkonzept der Schreibdidaktik-Professionals verknüpft. Denn die Annäherung an wissenschaftliche Handlungsformen impliziert eine grundsätzliche Offenheit für Austausch und kritischen Diskurs, anhand dessen Konzepte und Handlungsweisen dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Die wissenschaftliche Ausrichtung kann dabei aber nicht auf einzelne Fächer reduziert werden, denn mit der Schreibdidaktik gehen anspruchsvolle konzeptionelle Entscheidungen eigener Art einher.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: wissenschaftliche Handlungsformen dominieren die Zukunft der schreibdidaktischen Arbeit, wenn man über den Tellerrand der etablierten disziplinären Ordnungen hinausblickt und neben methodischen Kompetenzen zur wissenschaftlichen Textentwicklung auch Sozial-, Selbst- und übergeordnete Planungs- sowie Gestaltungskompetenzen mitberücksichtigt. Schreibdidaktik ist in mithin in ihrer Operationsweise gekennzeichnet von Transdisziplinarität. Damit ist gemeint, dass sie zwar stets Bezüge zu spezifischen fachlichen Feldern sucht, etwa der allgemeinen Hochschuldidaktik, zur Schreibforschung und angrenzenden Textwissenschaften. Zugleich löst sie sich aber auch aus den disziplinären Grenzen der jeweiligen Fächer, von denen keines ihren Problemgegenstand kongruent erfasst. Ebenso dockt sie stets an der disziplinären Lehre an, setzt sich intensiv mit ihr auseinander, grenzt sich von ihr ab. Nimmt man die anspruchsvolle schreibdidaktische Arbeit in ihrer besonderen akademischen Handlungsweise ernst, so wird deutlich, dass sie gerade aus der Fachlichkeit heraus in die Lage versetzt wird, ihre Problemstellungen disziplinenunabhängig zu definieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Fächern und ihre Operationsweise, die fachliche Horizonte transzendiert, führt sie zu einer Neuausrichtung, die etablierte disziplinäre Orientierungen erodiert.

Die Publikation als Einladung zum Diskurs

Eines der Kernanliegen der Schreibdidaktik als einer transdisziplinären Profession ist es, generalisierbare Erkenntnisse zu gewinnen, die sich nicht auf den jeweiligen Einzelfall beschränken. Die 22 Beiträge dieses Sammelbandes leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Sie stammen aus der Feder von Lehrenden aus 13 Fachbereichen an 16 Universitäten und Fachhochschulen – und sind jeweils so aufbereitet, dass ihr Transferpotenzial in andere didaktische Kontexte ersichtlich wird. Alle Beiträge haben ein mehrstufiges Peer-Review-Verfahren durchlaufen. Sie sind als Einladung zu einem kritischen Diskurs zu verstehen und setzen damit die Reihe TeachingXchange mit einem Akzent auf die schreibdidaktische Profession und das zu dieser Profession gehörige Selbstverständnis konsequent fort. Beschreibung des Reihenkonzepts im vorherigen Band.

Bibliografische Informationen

Der Sammelband erscheint in der zweiten Märzwoche 2021 als OpenAccess-Publikation bei wbv media: www.teachingXchange.de

  • Lahm, S., Meyhöfer, F. & Neumann, F. (Hrsg.). (2021). Schreiblehrkonzepte an Hochschulen. Fallstudien und Reflexionen zum Schreibenlehren und -lernen (TeachingXchange, Bd. 4). Bielefeld: wbv media.

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