Kulturelle Bildung – Bildende Kultur

Nächsten Mittwoch beginnt eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Siegen, die sich mit der Schnittstelle von “Bildung” und “Kultur” befasst.

Ein Blick in das Programmheft verspricht, dass es spannend werden dürfte: Über drei Tage befassen sich Fachleute vorrangig aus bildungs- und kulturwissenschaftlichen Fächern, aber bspw. auch aus den gestaltenden Wissenschaften (Architektur, Musikwissenschaft etc.) mit der Frage, welcher Zusammenhang zwischen diesen beiden Konzepten im eigenen Fachbereich besteht.

Es wird auch ein eher theoretisch ausgerichtetes Panel geben, in dem ich mit einem Vortrag zum Thema “Kulturtransfer” referieren darf. Ich möchte die Frage stellen, inwiefern sich die Vermittlung kultureller Inhalte mit dem rhetorischen Konzept von “Bildung” in Einklang bringen lässt:

In neueren kulturtheoretischen Studien wird der Begriff “Kultur” häufig gebraucht, um ein System kollektiv geteilten Wissens, kollektiver Wertorientierungen, Überzeugungen und Deutungsmuster zu beschreiben. Ziel meines Vortrags ist es vor diesem Hintergrund, die spezifische Bedeutung kultureller Bildung (im Sinne einer Anregung zur transformatorischen Entwicklung) als einem rhetorischen Akt zu skizzieren: Eine Rhetorik, der es um die intentionale kommunikative Beeinflussung individueller und sozialer Faktoren geht und die sich an ihren humanistischen Bildungsauftrag erinnert, erhält durch den konzeptuellen Anschluss an dieses Kulturverständnis eine neue und m.E. für weiterführende Forschung vielversprechende Akzentuierung.

Mein Ansatzpunkt ist dabei ein dezidiert handlungstheoretischer. Ich schlage vor, Kultur im Anschluss an Hartmut Esser als die Gesamtheit der in einem Kollektiv von Akteuren geteilten Vorstellungen zu bestimmen (vgl. (Esser 2001, S. IX)). Die Idee, Kultur so zu definieren, ist alles andere als neu: Ganz ähnlich bestimmt etwa schon Edward B. Tylor den Kulturbegriff (bereits Ende des 19. Jahrhunderts!):

“Culture or Civilization, taken in its wide ethnographic sense, is that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.” (Tylor 1920, S. 1)

Die Vorstellung, dass Kultur etwas im Rahmen von Interaktion “Geteiltes” ist, auf das durch Kommunikation wechselseitig referiert wird, lässt sich nicht nur bei Esser finden. Man kann sie geradezu als einen “Topos” bezeichnen, der sich in ganz unterschiedlichen Theorieansätzen rekonstruieren lässt:

  • Alfred Schütz etwa gebraucht das Modell eines “stock of knowledge at hand“, auf dessen Grundlage Deutungsschemata gebildet und gemeinsam aktualisiert werden (vgl. Schütz 1974).
  • Deidre Sperber und John Wilson führen das Konzept eines “mutually manifest cognitive environment” ein, mit dem sie erläutern, auf welche Weise Informationen sich als kognitive Einheiten im Rahmen von Interaktionsprozessen wechselseitig einheitlich manifestieren (vgl. Sperber 1982).
  • Robert Brandom geht von einem deontic status als Grundlage sozialer Interaktion aus, d.h. von einem Status, der vorliegt, wenn Akteure sich durch ihr kommunikatives Tun auf bestimmte Normen festlegen und damit füreinander eine verlässliche (rationale) Interaktionsgrundlage schaffen (vgl. Brandom 2000).
  • Niklas Luhmann gebraucht den Kulturbegriff im Sinne eines Sets an “Schematismen”, das als Orientierungsmuster “Sinn” in generalisierter Form vorhält und im Rahmen sozialer Interaktion Kontingenz in Erwartungssicherheit überführt (vgl. Luhmann 1997, S. 587); Luhmann schließt damit programmatisch an den Kulturbegriff von Berger und Luckmann an (vgl. Berger und Luckmann 1966).[1]
  • Neuere kommunikationspragmatisch und sprachkulturell ausgerichtete Autoren gehen von einem “Tuning” der Interaktanten im kommunikativen Geschehen aus (vgl. Šrubař 2009; Knape 2013; Schmohl 2016).

Nun befassen sich diese Beiträge natürlich mit teils sehr verschiedenartigen Zusammenhängen, noch dazu auf unterschiedlichen Theorie-Ebenen und mit unterschiedlichen begrifflichen Referenzsystemen, und man müsste schon etwas mehr zu den Ansätzen sagen, um sie nebeneinanderzustellen… (Im Vortrag werde ich hier etwas ausführlicher…)

Meine These ist, dass diesen Ansätzen – so unterschiedlich sie in ihrer jeweiligen Argumentation und ihrem Problemzugang sind – die Annahme eines “common ground […] [of] mutual knowledge, mutual beliefs, and mutual suppositions” (Clark 1992, S. 3) gemeinsam ist, das heißt, die Annahme einer komplementären Aktualisierung kultureller Vorstellungen (Gewohnheiten, Lebensweisen, Regeln, Symbolisierungen, Wertbeständen und Wissensbeständen),[2] durch die sich im Rahmen kommunikativer Interaktionsprozesse Sinnzuschreibungen wechselseitig semiotisch objektivieren lassen.[3]

Dieses postulierte Gemeinsame, das im Rahmen kommunikativer Aktion hergestellt und wechselseitig unterstellt wird, lässt sich als die Kultur einer Interaktionsgemeinschaft definieren. Sie bildet aus kommunikationspragmatischer Sicht den Common Ground für soziale Verständigung. Damit ist sie einerseits Voraussetzung für symbolische Interaktion (zeichenvermitteltes Handeln), andererseits wird sie fortlaufend durch rhetorische Praxis konstruiert und rekonfiguriert. (Berger und Luckmann 1966, S. 19–31; Knoblauch 2009; Knape 2000)

Literatur

  • Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (1966): The Social Construction of Reality. A Treatise in the Sociology of Knowledge. Harmondsworth: Penguin.
  • Brandom, Robert B. (2000): Expressive Vernunft. Begründung, Repräsentation und diskursive Festlegung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Clark, Herbert H. (1992): Arenas of Language Use. Chicago, Ill: Univ. Press.
  • Eco, Umberto (1972): Einführung in die Semiotik. München: Fink.
  • Esser, Hartmut (2001): Sinn und Kultur. Frankfurt a.M., New York, N.Y.: Campus Verl. (Soziologie. Spezielle Grundlagen, 6).
  • Knape, Joachim (2000): Was ist Rhetorik? Stuttgart: Reclam.
  • Knape, Joachim (2013): Modern Rhetoric in Culture, Arts and Media. Berlin: de Gruyter.
  • Knoblauch, Hubert (2009): Phänomenologische Soziologie. In: Georg Kneer und Markus Schroer (Hg.): Handbuch Soziologische Theorien. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss., S. 299–322.
  • Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Schmohl, Tobias (2016): Persuasion unter Komplexitätsbedingungen. Ein Beitrag zur Integration von Rhetorik- und Systemtheorie. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
  • Schütz, Alfred (1974): Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Sperber, Dan (1982): Mutual Knowledge and Relevance in Theories of Comprehension. In: Neilson V. Smith (Hg.): Mutual Knowledge. London: Academic Press, S. 61–85.
  • Šrubař, Ilja (2009): Kultur und Semantik. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-531-91925-6 .
  • Tylor, Edward B. (1920): Primitive Culture: Researches Into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art, and Custom. 6. Aufl. 2 Bände. London: Murray (1). Online verfügbar unter http://www.openlibrary.org/books/OL7024050M.

Anmerkungen

[1] Luhmann ist in dieser Reihe als ein Spezialfall zu sehen, denn er lehnt den Kulturbegriff aufgrund seiner ‘semantischen Vorbelastung’ eigentlich ab, da er eine “Nähe” zwischen psychischen und sozialen Systemen erzeuge, die Luhmann theoriestrategisch so nicht für sinnvoll hält. Aufgrund dieser ‘Vorbelastung’ hält Luhmann den Kulturbegriff für grundsätzlich “entbehrlich” (Luhmann 1997, S. 109 (Anm. 143) sowie S. 587) und gebraucht stattdessen im Rahmen seiner Theorie eher Konzepte wie “Rahmen”, “Typen”, “Skripte”, die ich als gleichbedeutend ansehe, da sie ebenfalls komplementäre Sinnaktualisierungen implizieren (vgl. Schmohl 2016, S. 390 f.).

[2] Der Aufzählung in der Klammer liegt die Kulturdefinition Hartmut Essers zugrunde (vgl. Esser 2001, S. IX).

[3] Semiotik wird dabei definiert als eine wissenschaftliche Disziplin, die „alle kulturellen Vorgänge […] als Kommunikationsprozesse untersucht“. (Eco 1972, S. 32)

One Comment

  1. Ich lese solche Dinge ja immer, wie sollte es anders sein ;-), unter dem Blickwinkel des akademischen Lehrens und Lernens. Clarks Konzept vom “Common Ground” haben schon früh auch die Pädagogischen Psychologen verwendet (z.B. in der Expertiseforschung), weshalb ich damit am meisten anfangen kann. Beim Lesen habe ich mir nun gedacht: Es gibt ja durchaus so etwas wie eine Lernkulturen, das wären dann also komplementäre Aktualisierungen kultureller Vorstellungen zur Hochschulbildung (Gewohnheiten, Lebensweisen, Regeln, Symbolisierungen, Wertbeständen und Wissensbeständen) seitens der Studierenden – im Plural deshalb, weil das disziplin- und fachspezifisch sein. wird. Es gibt natürlich auch Lehrkulturen in diesem Sinne, und auch da dürfte es erhebliche Unterschiede in verschiedenen Disziplinen und Fächern geben. Diese Vielfalt in den Lehr- und Lernkulturen ist vermutlich kein Problem. Ein Problem aber hat man, wenn es keinen oder keinen ausreichenden “Common Ground” zur Hochschulbildung und zum Zusammenspiel von Lehren und Lernen zwischen den Lehrenden und den Studierenden gibt. Und meine Vermutung ist: Genau das ist oft der Fall.

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