Warum bloggen?

Ist es nicht irrational, vielleicht sogar unvernünftig, sich immer wieder mit so etwas wie einem virtuellen Tagebuch aufzuhalten? Natürlich frage ich mich das ab und an. Ich habe noch keine abschließende Antwort darauf, aber ein paar Gedanken, die ich hier teilen möchte. Ich glaube, dass es uns bloggenden Wissenschaftlern da im Grundsatz ähnlich geht: Wir takten unsere Tage durch, für Lehre, Publikationsprojekte, Konferenzbeiträge, Lektüre, Kooperationsaufbau und Drittmittelanträge. Dazu kommt der ganze Orga-Kram, Besprechungen, Gremien, Networking-Events und so weiter.

Sie kennen das. Es ist das übliche Lamento von Wissenschaftlern, die es doch eigentlich so schön haben könnten (in welchem Job kann man sonst seine Zeit und sogar die Themen, an denen man arbeitet, so frei gestalten?), aber die sich doch immer wieder ein Schippchen draufpacken und dadurch permanent unter Strom stehen — oft, ohne unmittelbar sichtbaren Output zu produzieren und trotzdem gestresst zu wirken. Am ehesten vergleichbar ist diese Lebensform mit der eines Rentners, der von einem geregelten Dasein in den Status des Unruhestands wechselt.

Vergangenen Sonntag hat Peter Baumgartner in einem lesenswerten Blog-Beitrag vom “Schatten-CV” gesprochen — einem Konzept, das spätestens seit Devoney Looser’s bekanntem Zwischenruf ein geflügeltes Wort unter Wissenschaftlern ist. Gemeint sind damit jene Aktivitäten, mit denen wir uns neben den oben genannten Tätigkeiten so herumschlagen, deren Output eben nicht unmittelbar ersichtlich wird — und die daher für den wissenschaftlichen Lebenslauf ‘keine Zeile wert sind’. Bloggen gehört prominent dazu.

Freilich, es handelt sich ein Stück weit um ein systemisches Problem, das (so Baumgartner) mit der Idealvorstellung einer Corporate University und dem dahinter stehenden Primat des Fast Capitalism in Verbindung gebracht werden kann. Das schlägt auf unterschiedliche universitäre Ebenen durch, wenngleich es Gegenbewegungen wie die “Slow Science Academy” oder auch “Science in Transition” gibt. (Ein Lichtblick: Auf der Ebene der Studienbedingungen und der Vorgaben für die Curriculumsgestaltung besteht jetzt wohl bald Hoffnung auf (Nach-)Besserung — zumindest deuten die letzten Beiträge der SZ und FAZ auf eine vielversprechende Entwicklung hin….)

Zurück zum Bloggen. Die Idee sieht so aus: Während man zig offene Fäden auf dem Schreibtisch hat, gibt man immer mal wieder möglichst gut strukturierte Schlaglichter zu einzelnen Projekten, Erlebnissen oder Etappen in der eigenen wissenschaftlichen Entwicklung an einen unbekannten Kreis an Leuten raus, die sich mehr oder minder interessiert und mit mehr oder minder viel zeitlichem Einsatz damit befassen, was man so postet.
Die Idee ist also, laufend zu produzieren. Das Problem: Wissenschaftliche Arbeit ist un-müßig. Richtig viel Zeit zum Nachdenken bleibt oft kaum.

Warum also macht man das? — Natürlich geht es auch um Selbst-Marketing. Ich hatte ursprünglich überlegt, eine statische Seite zu erstellen, auf der ich mein wissenschaftliches Profil zeichnen kann (eine etwas ausführlichere Visitenkarte praktisch). Nach einem Gespräch mit Gabi Reinmann und Sebastian Fiedler über das Bloggen und was es für sie jeweils ausmacht, habe ich mich dann für eine WordPress-Instanz entschieden. Wie man sieht, ist seither immer noch nicht viel von der Visitenkarte und dem Selbst-Marketing entstanden. Aber ich habe schon ein bisschen was an Beiträgen gebloggt. 🙂

Ist das nicht Unsinn? Verschwende ich nicht Zeit, die ich viel besser in ordentliche Publikationen stecken könnte?

Bloggen ist für mich das “Laut-Nachdenken” zu den Themen, die mich umtreiben. Es schafft einen Reflexionsraum, der mir die Möglichkeit bietet, auch mal unfertige, noch nicht ausgegorene Überlegungen zu formulieren (sie damit konkret/handfest zu machen) und zur Diskussion zu stellen (was teils hier online passiert, sogar zum größeren Teil aber auch in den Gesprächen auf dem Gang mit Kollegen und Freunden). Gerade die eher informellen Entwürfe und Arbeitspapiere halte ich für einen lebendigen wissenschaftlichen Diskurs für essentiell. Daher finde ich auch richtig gut, was da gerade unter dem Schlagwort Impact Free entsteht — das setzt für mich die Idee des Bloggens schlüssig fort. (Weitere Hintergrundinfos hier.)

Oft wird mir erst dadurch, dass ich mich zwinge, hier mal einen Zwischenstand zu etwas zu geben, das sich im Moment “in progress” befindet, klar, an welchen Stellen es noch hakt oder wie ich weitermachen kann. Das kann eine ganz gute Übung sein. Auf jeden Fall ist es ein Lernprozess. Aber das Bloggen hat noch einen anderen Effekt, der sich etwas schwerer beschreiben lässt: Immer mal wieder ein Produkt aus den Tätigkeiten meines “Schatten-CV” zu erstellen hilft mir, zu erkennen, was mich wirklich interessiert, was ich wirklich gern tue. Das klingt zunächst komisch. Was ich damit meine, hat Paul Graham vor einiger Zeit in einem Blogpost so formuliert:

“‘Always produce’ is also a heuristic for finding the work you love. If you subject yourself to that constraint, it will automatically push you away from things you think you’re supposed to work on, toward things you actually like.”

Das ist vielleicht das größte Privileg daran, wissenschaftlich arbeiten zu dürfen: Ich kann mich mit Dingen auseinandersetzen, die mich wirklich interessieren und mit denen ich mich gern beschäftige. Ich glaube, dass man als Person ziemlich stark von dem geprägt wird, was man täglich tut und wie zufrieden man damit ist.

Das Bloggen kann das einerseits dokumentieren, andererseits ist es eine Methode, die Eindrücke, die ich sammle (etwa durch das Lesen eines Beitrags, den Besuch einer Tagung o.Ä.) in eine Form zu bringen, sie in meine persönliche Weiterentwicklung einzubauen und sie als Schritt auf meinem Qualifikationsweg zu beschreiben. Neben einer “persönlichkeitsbildenden” Funktion hat das für mich auch den Effekt, dass ich die Meilensteine meiner wissenschaftlichen Entwicklung für mich sortiert bekomme. Es geht dann darum, Erfahrung als Beobachter gleichzeitig zu erleben und festzuhalten. In Sarah Manguso’s “Ongoingness: The End of a Diary” ist das schön beschrieben:

“I wrote so I could say I was truly paying attention. Experience in itself wasn’t enough. The diary was my defense against waking up at the end of my life and realizing I’d missed it.”

Manguso kommt zu dem Schluss:

“I tried to record each moment, but time isn’t made of moments; it contains moments. There is more to it than moments.
So I tried to pay close attention to what seemed like empty time.”

Vielleicht ist es ja gerade diese “empty time”, die für uns bloggende Wissenschaftler besonders wichtig ist und in die es sich lohnt, gezielt zu investieren… Und so oder so: es muss ja auch nicht alles rational sein, was man tut, oder? 😉

3 Comments

  1. Tobias Schmohl

    Hier ein Kommentar von Peter Baumgartner, den ich im obigen Post erwähnt habe. (Es gab wohl vorübergehend technische Probleme mit der Kommentarfunktion, daher reiche ich den Hinweis hier nach…)
    Den Blogbeitrag unter dem u.g. Link kannte ich noch nicht, das deckt sich aber ziemlich gut mit meiner Darstellung — wir kommen da zu einem insgesamt sehr ähnlichen Ergebnis. 🙂

    Peter Baumgartner [Fr 20.05.2016 18:26 Uhr]:
    ******
    Danke für den persönlichen aber auch sehr informativen Artikel. Er hat mich in mehrerer Hinsicht berührt:

    Einerseits weil ich dadurch auf andere ähnliche Aktivitäten hingewiesen werde. (Ich gebe es zu, dass es mir ja fast peinlich ist, dass ich erst über mein eigenes Blog auf andere ähnliche Aktivitäten aufmerksam werde, wie z.B. der von Gabi mit ihrem Artikel oder ihrer tollen Initiative “Free Impact”. )

    Andererseits aber auch, weil ich praktisch alle Ihre Argumente zum Bloggen nicht nur teile, sondern teilweise auch dieselbe Wortwahl verwende(t habe). Vielleicht interessiert Sie ja auch mein Beitrag “Warum blogge ich” als Vergleich.
    http://peter.baumgartner.name/2013/05/22/warum-blogge-ich/

    *****

  2. Pingback: Wissenschaftskommunikation | thinkingoutloud

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