Berufsbildungswissenschaft

Durch Gabi Reinmann bin ich vor ein paar Tagen auf einen schon etwas älteren aber m.E. sehr lesenswerten und fruchtbaren Beitrag von Adolf Kell aufmerksam gemacht worden. Es handelt sich um dessen Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Duisburg-Essen aus dem Jahr 2005. Kell führt in diesem Text ein paar definitorische Unterscheidungen ein, die darauf abzielen, die „Berufs- und Wirtschaftspädagogik“ anhand einer ökologischen Perspektivierung als eine erziehungswissenschaftliche Teildisziplin programmatisch zu orientieren und mit der Bezeichnung „Berufsbildungswissenschaft” zu versehen.

Das ist insgesamt aus meiner Sicht ein sehr kluger Positionierungsversuch. Besonders gefallen hat mir die Herangehensweise, den Begriff der Berufsbildung als globale Norm zu setzen und ihn auf der Beziehung zwischen Bildung und Beruf aufzubauen (was auf die abstrakten Bezugssysteme „Pädagogik“ und „Ökonomie“ bezogen wird).

Ganz charmant (wobei m.E. sehr spezifisch für die Berufsbildung, die eben per definitionem an ökonomische Kontexte und damit den Nachhaltigkeitsdiskurs etc. anschließt) ist auch der Gedanke, eine explizit ökologische Perspektive zu wählen, um eine begriffliche Rekonstruktion des „mit Beruf jeweils Gemeinten“ zu leisten.

Insgesamt trifft der Text m.E. sehr sinnvolle begriffliche Einteilungen und verbindet sie mit einem für das Feld der Berufsbildungswissenschaft sinnvoll abgeleiteten Ordnungs- und Analysevorschlag — eingeteilt nach vertikalen und horizontalen Systembeziehungen auf verschiedenen (Makro-/Meso-/Mikro-) Ebenen.

Was kann man aus diesem Text für den Kontext einer akademischen Bildungswissenschaft, die nun aus meiner Sicht in einigen Punkten deutlich von der Berufsbildung zu unterscheiden ist, ableiten? Für diesen Kontext würde ich, wie schon mehrfach geäußert, (die lange Fußnote gibt auch einige sehr gute Gründe dafür) „Bildungswissenschaft“ als Leitbegriff setzen und damit eine programmatische Abgrenzung zur (a) Pädagogik und (b) Erziehungswissenschaft vornehmen:

(a) Die paideia und ihre Unterscheidung von „Lehrer“ und „Zögling“ braucht man in dem Zusammenhang nicht mehr – und das ist auch kein viables Bildungskonzept, wenn es darum geht, ein konzeptuelles Rahmengerüst akademischen Lehrens und Lernens aufzubauen, finde ich. Aber wenn man diesen Dissens vertiefen will, führt das in eine historische Rekonstruktion und damit in ein anderes Feld (auch an der Stelle waren wir in der Diskussion schon)…

(b) Ebenso kritisch wie das Pädagogik-Konzept sehe ich die programmatische Anbindung an die Erziehungswissenschaften (für die Kell (2005, S. 442) plädiert). Das mag für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik und meinetwegen auch für die Berufsbildungswissenschaft Sinn machen. Für die universitäre Bildung sehe ich da im Moment (noch?) nicht genügend Schnittmengen, um das, womit wir uns beschäftigen, dort komplett aufgehen zu lassen. Also hier stammt meine Ablehnung eher aus einem pragmatischen Ansatz, der den Fokus darauf legt, welche Fragen aktuell in der Disziplin mit welchen Mitteln bearbeitet werden.

Eine eher beiläufige Unterscheidung, über die ich erst beim zweiten Durchlesen gestolpert bin, ist die von Berufsbildung und Berufsbildungspolitik als gesellschaftliche Praxen vs. die Aufklärung dieser Praxen durch die Berufsbildungsforschung. Finde ich durchaus gut, das so einzuteilen, weil es den disziplinären Fokus von einem bildungswissenschaftlichen unterscheidet (könnte man an der Stelle auch an Shulman (1987) rückbinden; dazu hab ich im Zusammenhang mit einem aktuellen Projekt zur „Scholarship“-Bewegung ein paar Ideen).

Kell versteht Bildung im Sinne von persönlicher ‚Entwicklung zur Mündigkeit‘ als einen Komplementärbegriff zur ‚Entwicklung von Tüchtigkeit‘ (somit ist auch die erziehungswissenschaftliche Anbindung der Disziplin naheliegend); daher landet er am Schluss auch bei einer gesellschaftskritischen Auswertung anhand moralischer/sozialphilosophischer Urteile und einem Appell an die Politik, also an ein System, das außerhalb des Zugriffs der Disziplin liegt, die er abgrenzt. So sinnvoll ich die Abgrenzung von Politik und Bildung finde, so wenig stimme ich der Eingrenzung von Bildung auf diese beiden abstrakten Zielsetzungen zu. Diese Unterscheidung kann m.E. nicht das Leitinteresse einer akademischen Bildung sein. Eine solche muss meiner Überzeugung nach (und das wäre dann ein Dogma, über dessen normative Setzung man im Zuge einer programmatischen Orientierung „akademischer Bildung“ diskutieren könnte) über Zielsetzungen von Tüchtigkeit (berufsqualifizierender Aspekt) und Mündigkeit (erzieherischer Aspekt) hinausgehen und Prozesse des Lehrens und Lernens in einem wissenschaftsdidaktischen sowie umfassenderen, humanistischen Sinn in den Blick nehmen. Den gilt es freilich – und in diesem Punkt bin ich wieder voll mit Kell einig – anhand präziser Begrifflichkeiten zu beschreiben.

Literatur

  • Kell, A. (2005). Ökologisch orientierte Berufsbildungswissenschaft – eine theoretische Positionierung. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 101 (3), 437-444.
  • Shulman, L. S. (1987). Knowledge and teaching: Foundations of the new reform. Harvard Educational Review, 57 (1), 1-22.

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