Deutsche Lehrgemeinschaft?

Manfred Prenzel, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftsrats, hat gestern der ZEIT ein Interview zur Wahrnehmung der Hochschullehre im deutschen Bildungssystem gegeben (nachzulesen in der heutigen Ausgabe). Der Zeitpunkt ist ganz passend: Morgen soll im Wissenschaftsrat ein von Prenzel verfasstes und schon mehrfach angekündigtes Positionspapier diskutiert werden, in dem er Perspektiven für die Verbesserung der Hochschullehre aufzeigt. Sein Kernanliegen: eine eigenständige und übergreifende Einrichtung zu gründen, die didaktische und lehrbezogene Vorhaben an Universitäten fördert. Letztlich schwebt ihm dabei ein Äquivalent zur Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) vor, d.h. eine Institution, die sich übergreifend mit Fragen akademischer Lehre befasst:

Ich kann mir eine solche Einrichtung sehr gut vorstellen. Sie wäre ein klares Bekenntnis dazu, Innovationen und gute Konzepte in der Lehre zu fördern, etwa im Feld der Digitalisierung. Wissenschaftler könnten für ihre Vorhaben in der Lehre anerkannte Drittmittel einwerben. Damit könnte kompetente Lehre auch zu einem Leistungskriterium in Berufungsverfahren werden. In Zukunft sollte niemand mehr berufen werden, der sich nicht in der Lehre nachweislich qualifiziert, engagiert und gute Ideen entwickelt hat.

Die Forderung nach einer solchen Einrichtung irrlichtert schon seit über 10 Jahren im Hochschuldiskurs umher… Angestoßen wurde sie durch eine Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, der aus einer kritischen Analyse des damaligen Status quo die Notwendigkeit ableitete, eine breit angelegte “Exzellenzinitiative für die Lehre” zu starten. Wie sieht es heute aus in Sachen Hochschullehre? Auf die Frage nach dem Stellenwert der universitären Lehre an Hochschulen antwortet Prenzel:

Hochschullehre in Deutschland sah lange so aus: Wir bieten Zugang zu Informationen und Wissen, für den Rest sind die Studierenden verantwortlich. Man hatte eine hoch selektive und homogene Gruppe vor sich. Wer nicht gepasst hat, den hat man aus dem System fallen lassen. Es gab keinen Druck, sich zu überlegen: Was ist gute Hochschullehre? In den letzten Jahren hat sich das etwas geändert. Es gibt spezielle Fördertöpfe wie den ‘Qualitätspakt Lehre’. Da sind schöne Pflänzchen gewachsen, aber einen großen Effekt in der Fläche gibt es nicht.

Das Problem, das Prenzel aufzeigt, reicht — wie bereits aus diesen beiden Statements deutlich wird — weit über die didaktische Mikroebene des konkreten Lehrhandelns hinaus. Speziell nimmt er institutionelle Strategien zur Verbesserung der Lehre an Hochschulen in den Blick. (Lesenswert in dem Zusammenhang ist übrigens auch sein Wissenschaftsrat-Bericht aus dem Jahr 2015). Prenzel plädiert nun im aktuellen Interview bspw. speziell auch für die Förderung einer didaktisch versierten Curriculums- und Modulentwicklung, für neue Richtlinien der Prüfungsgestaltung oder für eine Konzeptentwicklung zur nachhaltigen didaktischen Begleitung von Studierenden. Letztlich sollen diese Verbesserungen wohl (nehme ich zumindest an) über eine kontinuierliche Drittmittelförderung für innovative didaktische Projekte erfolgen.

Über die neoliberalen Prämissen, die hinter dieser Idee stecken (Markt und Wettbewerb als Steuerungsinstrumente), kann man jetzt natürlich diskutieren… Letztlich ist dadurch ja eher ein bildungspolitisches als ein bildungswissenschaftlich motiviertes Problemlösen angesprochen. Ich finde trotzdem, es wird Zeit, dass der Wissenschaftsrat sich mit dem Thema “akademische Lehre” wieder stärker auseinandersetzt: Die Empfehlungen zur Verbesserung von Lehre und Studium stammen nämlich aus demselben Jahr wie die Initiative des Stifterverbands — Anfang Juli werden auch sie damit 10 Jahre alt.

Schön wäre nur, wenn das Papier, das morgen im Wissenschaftsrat diskutiert werden soll, auch bald öffentlich gemacht wird. Denn eine Dikussion hinter verschlossenen Türen bringt uns für eine breit angelegte Verbesserung der Lehre aus meiner Sicht nicht wirklich weiter…

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